
Simon Hehemann
Wie die Teile fallen
Vom 04. bis zum 24. September stellt der Hamburger Künstler Simon Hehemann zum sechsten Mal in einer Einzelausstellung bei Harbor Art Gallery aus. Während des gesamten Monats August baut er die Galerie komplett um und verwandelt die Räume in eine begehbare Installation.
Aufgrund der erstmals stattfindenden Hamburg Art Week wird die Ausstellung schon an einem Donnerstag eröffnet und durch die verkürzte Laufzeit werden auch die Öffnungszeiten angepasst und zwar durchgehend von Mittwoch bis Sonntag von jeweils 12-19 Uhr! Am Mittwoch und am Sonntag ist Simon Hehemann dann auch persönlich vor Ort und man kann ihn treffen.
Zur Vernissage am DONNERSTAG den 03. September ab 20:00 Uhr laden wir herzlich ein.
In einer Zeit, in der die Diskrepanz zwischen divergierenden Haltungen rigoros und scheinbar unumstößlich zu polarisierenden Standpunkten führt, die nur ein Schwarz-Weiß-Denken zulassen, in Zeiten, in der ein Kompromiss von Grunde aus als suspekt gilt, ist das philosophische Gedankenmodell der Konstruktion und Dekonstruktion aktueller denn je. „Alles, was wir zurzeit in dieser Welt mitkriegen, verspricht eine radikale Veränderung unserer bisherigen Verhältnisse. Das omnipräsente Gefühl, das wir uns in einem maroden System befinden, hat mich veranlasst, im Symbol des Turms eine entsprechende Form zu finden“, äußert der Hamburger Künstler Simon Hehemann unlängst.
Somit steht der Turm als Symbol von Aufbau und Verfall (Ruine) als zentrales Motiv in Hehemanns sechster Einzelausstellung bei Harbor Art Gallery und einmal mehr werden die Räume in eine für den Besucher begehbare Installation umgewandelt. Die Wände sind allesamt schwarz gestrichen, einer Farbe, die fast kein Licht zurückwirft, wodurch eine Atmosphäre der Unendlichkeit, also Raumtiefe suggeriert wird. Der Boden der Galerie ist im oberen Bereich mit sperrigen Asphalt-Schollen bedeckt. Wasserlachen und Türme aus kleinen länglichen Betonklötzchen überlagern die Oberfläche des Straßenbaustellenabfalls. Weiße Linien durchziehen auf mehreren Ebenen die schwarze Oberfläche wie planetarische Umlaufbahnen, die Kreisläufe aufzeigen, ähnlich wie mehrere Seilbahnen mit Drahtobjekten im Raum. Einzige Lichtquellen werden durch Projektoren erzeugt.
Dem Errichten mit den Betonklötzchen zu Türmen folgt der bewusst durch einen Steinwurf herbeigeführte Einsturz. „Konstruktion und Dekonstruktion – halt das, was das Leben ausmacht“, so Hehemann. Den Einsturz seiner Türme hat er im Vor- und Rücklauf in Zeitlupe gefilmt, um die kurzen Sequenzen des Zerfalls festzuhalten. Diese Aufnahmen werden auf sieben vergrößerte Post-its (je 250 x 250 cm) projiziert, ergänzt durch Diaprojektionen, die Motive aus seinem Archiv wiedergeben, wie Flugpollen, Kopfkissenfedern oder mit einer Schreibmaschine getippte Dots.
Auf den vergrößerten Post-its befinden sich landschaftliche Strukturen, deren kleinformatigen Vorlagen in der Ausstellung „Wie die Teile fallen“ im unteren Galeriegeschoss zu sehen sind. Die sich stetig erweiternde Serie „Himmel und Dreck“ verdankt ihre Entstehung vermeintlichen Zufallsprozessen. Hehemann steckt hierfür kleine Post-its-Blöcke in den Metallkoffer seines Motorrads. Durch die Fahrten entsteht ein Metallabrieb auf den Oberflächen der einzelnen Blätter, der je nach Dauer, Boden- beschaffenheit und Geschwindigkeit unterschiedlich ausfällt, und somit vielfältige Motive bewirkt. Ebenfalls im Untergeschoss werden Objektkästen zu sehen sein, die in ihrer vielfältigen Material- beschaffenheit und mit ihren oftmals kinetischen Fähigkeiten erneut Hehemanns immerwährendes Thema der Konstruktion und Dekonstruktion aufgreifen. Wenn sich hier Teile der erwähnten Archivalien in einem geometrischen Drahtgerüst wiederfinden, sich Pusteblumen und deren einzelnen Pollen auf Rastern aus Leiterbahnen befinden, dahinter als verzerrtes Bild, ein fein gesplittertes Spiegelglas zu sehen ist, werden die Betrachtenden von derartig gebauter Fragilität in den Bann gezogen, mit der gleichzeitigen unbegründeten Vorsicht, nicht bereits mit einem einzelnen Blick die Gebilde zum Einsturz zu bringen.
Text: Oliver Zybok